5 Fragen an Marc Weissenberger, Radio Moderator
Montag, 08. März 2010
ComeUnited.Com
Herr Weissenberger, Sie moderieren seit Jahren die Newcomer Sendung "Local Heroes Radio" auf Radio Darmstadt und starteten vor einiger Zeit das Projekt "Rock The Biz" einen Dokumentarfilm über das Musikbusiness. Zwei Monate sind sie quer durch Deutschland gefahren und haben mit Musiklabels, Künstlern, Produzenten, Veranstaltern und Experten über die Entwicklung und die Zukunft der Musikwirtschaft gesprochen.
Gibt es in Ihrer Dokumentation ein Fazit, eine klare Aussage? Macht "Rock The Biz" Künstlern und Machern Mut, oder zeigt es mehr den Verfall einer einst großen Industrie?
WEISSENBERGER: Das stimmt so nicht ganz. Wir sind einen Monat quer durch Europa gefahren und haben Bands, Labels, Veranstalter und Player im Musikbusiness aus Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Österreich, Groß-Britannien und Schweden interviewt.
Ich denke, Rock The Biz hat mehrere klare Aussagen:
1. Die traditionelle Musikindustrie hat ihre Monopolstellung im Musikgeschäft eingebüßt und zu einem großen Teil selbst verschuldet.
2. Man kann als Musiker mit seiner Musik Geld verdienen, vorausgesetzt das Produkt stimmt, und man setzt sich intensiv mit den geschäftlichen Aspekten und der damit verbundenen Arbeit auseinander.
3. Das Internet ist der größte Musikmarktplatz, den es je gegeben hat. Dieses richtig zu nutzen und eine Verbindung in die "reale" Welt herzustellen, ist die große Kunst, die erfolgreiche Künstler und Labels von anderen unterscheidet.
Auf jeden Fall soll Rock The Biz Künstlern Mut machen. Andererseits soll es die Künstler auch auf die Grundvoraussetzungen aufmerksam machen, die erfüllt werden müssen, um eine Chance im Business zu haben, und es soll den Künstlern auch vergegenwärtigen, dass ihr Produkt - die Musik, die Show, die Künstler selbst - schon etwas Besonderes bieten muss, um überhaupt gehört zu werden. Dies war mir besonders wichtig herauszustellen, da ich als Redakteur der Newcomer Sendung "Local Heroes Radio" viel zu oft vor dem Problem stehe, dass ich 90% der Bands ablehne, weil sie zu den sogenannten und viel zu häufig auftretenden "klingt genau wie"-Bands gehören. Innovation ist hier das Zauberwort, das zum Erfolg beiträgt.
ComeUnited.Com
Ihr Film "Rock The Biz" ist auf Ihrer Seite rockthe.biz unentgeltlich zu sehen.
Haben Sie jemals in Erwägung gezogen, den Film nur gegen Zahlung einer Gebühr zu zeigen? Halten Sie Ihre Strategie, Inhalte im Netz kostenlos zur Verfügung zu stellen, auch für die Zukunft des digitalen Vertriebs, und welche zukünftigen Einnahmequellen sehen Sie?
WEISSENBERGER: Wie bereits in der ersten Antwort angedeutet, ist Rock The Biz nicht ganz altruistisch, denn es beantwortet so viele Fragen, die Bands mir immer wieder stellen, z.B. warum sie nicht vorgestellt wurden, wo ich Schwächen in ihrer Musik sehe, was sie ändern sollen etc. Durch die Antworten, die von Profis aus dem Biz gegeben werden, hoffe ich eben auch, bald wieder mehr innovative Musik für meine Sendung zu bekommen.
Über eine kostenpflichtige Version habe ich in erster Linie nicht nachgedacht, denn man kann in einem Film nicht über "Give-Away-Marketing", nicht-kommerzielle Lizenzen und freie Downloads sprechen und dann selbst Geld dafür verlangen, zumal wir das gesamte Projekt von Anfang an als frei-erhältlich angekündigt haben. Dies führte wiederum zu dem enormen Support aus der ganzen Internetgemeinde, den man nicht im letzten Moment korrumpieren darf, indem man nicht hält, was man versprochen hat. Dies ist z.B. eine wichtige Regel aus dem Film: "Das Netz vergisst nicht!"
Inhalte im Netz kostenlos zur Verfügung zu stellen, ist meiner Meinung nach ein wichtiger Aspekt des Musikvertriebes im Allgemeinen. Wenn ein Produkt gut ist, kostenlos zur Verbreitung angeboten wird, dann verbreitet es sich auch exponential. Diesen Werbeeffekt müssen der Vertrieb, der Künstler oder das Label dann wiederum gezielt nutzen, um ihn zu monetarisieren. Dies kann durch gutes Merchandising oder Special Editions im Online-Store oder gut besuchte Konzerte geschehen. Ein Beispiel ist hier Audiolith Records, die 2008 mit ihrem frei downloadbaren 50-Track-Weihnachtspaket einen wahren Audiolith-Boom ausgelöst haben. Es gibt mittlerweile ganze Audiolith-Parties, und die Konzerte sind teilweise ausverkauft.
ComeUnited.Com
Sie haben in Ihrem Dokumentarfilm mit unterschiedlichen Fachleuten aus dem Musikbusiness gesprochen.
Wie war die Gesprächsbereitschaft Ihrer Interviewpartner? Waren die Macher und Künstler Ihren Fragen aufgeschlossen, vermittelten sie Ihnen den Eindruck, aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre gelernt zu haben?
WEISSENBERGER: Ich kann uneingeschränkt sagen, dass alle Interviewpartner extrem offen und ehrlich waren, zumal viele auch ein Bedürfnis hatten, diese neue Form des Musikbusiness, welches sie erfolgreich betreiben, einmal portraitiert zu sehen.
Noch beherrschen die Massenmedien im TV und Radio die Meinungsbildung, wenn es um Musik geht, was auch auf geschäftliche Verknüpfungen von Medien und Musikindustrie zurückzuführen ist.
Von daher unterstützen alle Rock The Biz, welches ja gerade das Internet entsprechend nutzt, indem sie den Film beispielsweise rebloggen, sharen etc.
Alle Interviewpartner haben sehr viel aus den vergangenen Jahren gelernt, sonst wären sie nicht da, wo sie jetzt sind. Sie gehen alle ihre eigenen Wege, die einen rein digital, die anderen benutzen Mischformen etc. Vor allen Dingen haben alle sehr früh erkannt, dass das Musikbusiness, wie es bis in die 90er Jahre noch funktionierte, in dieser Form nicht uneingeschränkt zukunftsfähig sein wird, und sich deshalb gezielt nach Alternativen umgeschaut.
ComeUnited.Com
Die Umsätze der Musikindustrie sinken dramatisch, Mitarbeiter werden entlassen, die Bedeutung der CD schwindet zunehmend.
Haben Sie ein klares Bild von der Zukunft der Musikbranche? Wie sehen Sie die weitere Entwicklung, wo liegen Chancen und wo Risiken?
WEISSENBERGER: Die CD wird, wenn überhaupt, nur noch ein Werbemittel sein. Selbst ich bekomme schon viele Online-Bemusterungen mit angehängter PDF und muss sagen, je leichter der Zugang, desto besser.
Musiker und Labels werden in Zukunft über den Tellerrand denken müssen. Musik als Werbeträger oder Unternehmen, die mit Musikern kooperieren, sind da ein Ansatz, der sich schon in den 90ern etabliert hat und der sicherlich ein Standbein sein wird.
Ganz klar wird die Entwicklung - meiner Meinung nach - auch wieder hin zu guten Livegigs gehen, Künstler werden wieder vermehrt touren und müssen ihre Fans vor allem auch live überzeugen; denn gut besuchte Konzerte und gutes Merchandising bilden schon heute den Großteil des Einkommens der Künstler.
Das Internet bietet bereits heute Zugänge zum digitalen Vertrieb, der sicherlich noch optimiert werden muss. Allerdings denke ich, dass vor allem die kommenden Generationen das Netz viel effektiver zur Entdeckung neuer Musik nutzen werden, als es die Menschen im Alter von 35 Jahren aufwärts bisher heute tun.
Vielleicht findet auch ein Umdenken in den etablierten Massenmedien wie TV und Radio statt, und sie setzen sich vermehrt für neue Künstler ein, bieten Exklusiv-Kooperationen an oder steigen als Partner ins Livegeschäft ein. Stefan Raab hat dies sowohl mit dem "Bundesvision Song Contest" als auch mit "Ein Star für Oslo" erkannt. Klasse statt Masse wird der Erfolgsfaktor werden.
ComeUnited.Com
Als Moderator der Radiosendung "Local Heroes Radio" haben Sie zahlreiche Newcomer unterstützt und kennen gelernt.
Wie beurteilen Sie die deutsche Radiolandschaft in puncto Newcomer-Förderung? Was würden Sie einem Newcomer heutzutage raten, wenn er seine Leidenschaft und sein Talent zum Beruf machen will?
WEISSENBERGER: Man möge mir verzeihen, wenn ich sage, dass es in der deutschen Radiolandschaft ziemlich düster aussieht, was die Förderung von Newcomerkünstlern betrifft. Da werden jetzt sicherlich viele aufschreien und sagen, ja aber da gibt es doch diese und jene Sendung. Zum einen wurden in den letzten Jahren wirklich gute Sendungen wie "Schwarz-Weiß" oder "Newcomer-TV" abgesetzt oder Frequenzen wie die des Zündfunk auf Digitalfrequenzen geschoben und somit der Allgemeinheit verwehrt.
Zum anderen laufen zu einem Großteil sowohl in den öffentlich-rechtlichen als auch in den privaten Radios fast identische Chartrotations in der Kernsendezeit. Also genau dann, wenn die Hörer zuhören. Sendungen, die mal etwas Neues bringen, finden meist ab 22.00 Uhr statt. Da sollte mal ernsthaft umgedacht werden. Und aus vielen Gesprächen mit Musikredakteuren bei diesen Sendern und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Intendanten - leider gerade bei den öffentlich-rechtlichen Sendern - sich nicht mehr um ihren Kulturförder-Auftrag (wie durch diverse Landes- und Staats-Rundfunkverträge festgelegt) kümmern, sondern eine knallharte Quotenpolitik verfolgen, die zu dieser gleichgeschalteten Radiolandschaft geführt hat.
Erschwerend kommt für mich hinzu, dass in den meisten Radios eine Trennung von Musikredakteur und Moderator stattgefunden hat. De Facto haben die Moderatoren zu einem Großteil keinen Schimmer von der Band, die sie gerade vorstellen.
Anders sieht es aber bei den Nicht Kommerziellen Lokalradios aus, wie Radio Darmstadt, Radio-X, Bermudafunk etc. Dort wird gezielt mit traditionellen Sendeschemata gebrochen und viel mehr Wert auf inhaltliche Informationen zu neuen Bands, neuer Musik etc. gelegt. Diese Sender leiden aber unter einer geringen Reichweite, was sich hoffentlich ändern wird, wenn die Internetstreams in nicht allzu ferner Zukunft auch im Auto- oder Küchenradio empfangen werden können.