5 Fragen an Bernd Kolb, Berater, Initiator der Marrakech-Projekte und Gründer der I-D Media AG
Montag, 16. Februar 2009
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Herr Kolb, bereits mit 26 Jahren gründeten Sie nach Ihrem Jura-Studium die Agentur I-D Media, mit 37 Jahren wurden Sie zum mittelständischen Unternehmer des Jahres gekürt, Sie erhielten für Ihre innovativen Arbeiten zahlreiche Auszeichnungen. Im Jahre 2005 verkauften Sie Ihre Mehrheitsanteile an der I- D Media AG und wurden Vorstand für Innovation und Endgeräte der Deutschen Telekom, die Sie im Februar 2007 auf Ihren Wunsch hin verließen, obwohl Sie den Umsatz deutlich steigern konnten.
Wäre ein so erfolgreicher Aufbau einer Agentur wie I-D Media heutzutage auch erreichbar? Und wie muss die Agentur von heute aussehen, um erfolgreich, innovativ und dauerhaft arbeiten zu können?
KOLB: Natürlich kann man auch heute noch eine Agentur aufbauen - wenn sie sich mit Innovationen beschäftigen soll, braucht sie aber nicht nur gute Ideen sondern Menschen, die Unternehmen ermutigen und überzeugen können, dass neben den Risiken von Innovationsentwicklungen eben auch Chancen existieren. In Zeiten fundamentaler Paradigmenwechsel geht es darum, die Entscheider in Unternehmen „abzuholen“, ihre bisherige Sichtweise auf Märkte und Produkte zu verstehen und einen Pfad aufzuzeigen, wie Innovation auch erfolgreich in neue Produkte münden und vor allem wirtschaftlich erfolgreich sein kann. In einer solchen Situation sind das gesamte Unternehmen und die Einstellungen seiner Mitarbeiter genauso entscheidend wie das Neue, aber eben auch Unbekannte, das erstmal viel Skepsis erzeugt. So gesehen kann die jetzige Wirtschaftskrise eine riesige Chance sein, das Nachdenken zum Umdenken werden zu lassen - dann gibt es Raum für Neues. Innovation bedeutet aber mitnichten stets „technischer Fortschritt“ - Innovation hat sich natürlich an den Konsumentenbedürfnissen auszurichten und darf niemals Selbstzweck sein.
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Im Jahre 2005 entstand anlässlich Ihrer ersten Reise nach Marrakech die Idee für Ihre „Marrakech-Projekte“. In 2007 restaurierten Sie einen mitten in der Altstadt liegenden, 300 Jahre alten Stadtpalast, das Haus „Ana Yela“ mit 5 individuellen Suiten öffnete im Oktober 2007 seine Pforten. Es ist kein klassisches Hotel, es soll eine Oase für die Sinne sein, die zum Denken und Träumen anregt und seine Gäste mit kreativer Energie auflädt, ein Ort der Begegnung von Menschen, die kreativ arbeiten und sich von der inspirativen Kraft Marrakechs beflügeln lassen.
Sie bauen gerade einen riesigen Palast um, der dann auch für größere Events und Konferenzen genutzt werden soll.
Was treibt Sie zu Ihren riesigen Investitionen an, eine Mischung aus ideellem und erwerbswirtschaftlichem Denken und Handeln? Sehen Sie in Orten wie Marrakech keine Gefahr, dass mit zunehmender Innovation die Magie als Quelle der Kraft allmählich versiegt?
KOLB: Meine Marrakech-Projekte sind sehr symbolisch und stehen für ein neues, vernetztes Miteinander über alle Grenzen hinweg. In Marrakech trifft die Moderne auf nahezu archaische Strukturen, die koexistent in Neustadt und Altstadt existieren, der Porsche Cayenne steht an der Ampel neben der Eselskarre, Neu trifft auf Alt, Reich trifft auf Arm, sie haben eigentlich die ganze Gegensätzlichkeit unserer globalen Entwicklung an einem Ort, und es ist sehr spannend zu beobachten, wie unsere Gäste mit diesen Eindrücken umgehen.
Das an sich ist schon mehr als inspirierend, regt zum Nachdenken an, und in Ihrer Frage klingt ein fast schon groteske Sorge an: Machen wir mit unserer Idee von Moderne und Fortschritt die „Magie als Quelle der Kraft“ kaputt? Das sollten wir uns ja nicht nur in Marrakech fragen, ich denke, diese Frage drückt sich durch die globale Krise weltumspannend aus. Vielleicht bedeutet Innovation auch einmal, Fortschrittsirrtümer zu korrigieren, vielleicht ist ja wirklich nicht alles Gold, was glänzt, vielleicht haben wir materiell alles und mehr und dabei doch auch viel verloren an Lebensfreude, Freiheit, Individualität und vor allem auch Spiritualität. Genau diese Fragen stellen sich in Marrakech, und wir haben mit dem Anayela ein Konzept umgesetzt, das genau mit dieser Thematik spielt: wir haben einen alten Stadtpalast nicht einfach „modernisiert“, sondern im Gegenteil, wir haben die Seele des Orients aufgespürt und mit historischen Mitteln und Methoden wieder aufgebaut - darüber staunen die Marokkaner fast noch mehr als die ausländischen Gäste, denn wir beweisen, dass es genau diese Magie ist, von der sie auch sprechen, die als Rohstoff so rar und dadurch kostbar geworden ist, dass man dies wirklich als Kulturschatz begreifen muss, der sich im übrigen auch wirtschaftlich erfolgreich vermarkten lässt. Und das weltweit, das Interesse am Anayela ist riesengroß, es sind bereits in den ersten 12 Monaten international mehr als 300 Artikel über das Anayela geschrieben worden, und wir hatten bis zum jetzigen Zeitpunkt bereits Gäste aus 39 Ländern - daran sieht man, dass unser Thema derzeit weltweit relevant ist.
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Über Ihren Projekten steht der Leitsatz: „Ich möchte einen Ort für Kreative schaffen, um in der ältesten Stadt der Welt über Themen der Zukunft nachzudenken. Ich will Brückenbauer zwischen den Kulturen sein.“ Sie sind überzeugt, „Marrakech holt jeden zurück in die echte Welt, kein anderer Ort setzt so viel Energie frei. Man bekommt das Gefühl für elementare Dinge zurück. Konsum ist nicht alles.“
Was ist für Sie die echte Welt? Welchen Stellenwert haben Themen wie Umwelt, Klima und Energie in dieser echten Welt? In welcher Weise werden Ihre Gäste von der Magie und inspirativen Kraft Marrakechs tatsächlich beflügelt?
KOLB:
Das Anayela ist der ideale Platz, die Zeit anzuhalten, sich selbst zu spüren und sich auf tiefe Gespräche einzulassen.
Bernd Kolb hat ein inspirierendes Ruheparadies inmitten der trubeligen Medina von Marrkech für alle Sinne geschaffen,
das die Seele berührt und süchtig macht. Wer hier nicht glücklich ist, ist selbst schuld..
Bobby Dekeyser
Managing Director / C.E.O. DEDON GmbH
Ich möchte Ihre letzte Frage mit oben stehendem Zitat beantworten. Egal ob wir Gäste haben, die einfach privat diese einmalige Erfahrung machen, oder ob wir dort Workshops mit Managern oder Politikern machen - jeder wird berührt, und unser Gästebuch kundet auf jeder einzelnen Seite davon. Es ist nur sehr schwierig, diesen Effekt mit passenden und verständlichen Worten zu beschreiben.
Wir haben eine Art von „multimedialer Architektur“ entwickelt, wodurch alle 5 Sinne subtil und oft kaum bewusst wahrnehmbar stimuliert werden. Und diese Erfahrung ist schlussendlich dann eine Begegnung mit sich selbst, man hört die leise Stimme der eigenen Seele, und das ist für mich „echt“. Wir haben in Deutschland bereits so viel Virtualität in unserem Alltag, dass wir es fast schon verlernt haben, zu „sehen“ und zu „spüren“. Wir haben alle geglaubt, dass Wohlstand und Konsumerismus eine Art „Paradies“ darstellen, und merken ganz langsam, dass wir da einer gigantischen Verführung erlegen sind. Natürlich sind unsere Umwelt, unser Klima und das dringend notwendige Umdenken beim Thema „Energie“ wichtiger als das dritte Auto oder das vierte Handy. Aber wir sind so blind in unseren Routinen, dass wir die wichtigen Veränderungen oft gar nicht mehr wahrnehmen. Am Beispiel des Kollaps der Automobilindustrie wird dies sehr deutlich: In Zeiten, in denen die drohende Klimakatastrophe bereits seit Jahren ihre Vorboten schickt, wurden die größten Spritfresser der Automobilgeschichte entwickelt. Ein Porsche Cayenne Turbo, der in der Spitze 60 Liter Superbenzin verbrennt, ist heutzutage leider kein schlechter Scherz, sondern der Zynismus unserer Ignoranz. Das muss aber natürlich nicht gleichbedeutend sein mit dem gänzlichen Verzicht auf alles Materielle. Aber man kann auch in einem schönen Energiesparhaus wohnen und auch ein schickes Auto mit 3 Litern Spritverbrauch fahren und für all diejenigen, die diese Erfahrung noch nicht gemacht haben, möchte ich verraten, dass es uns damit keinen Deut schlechter geht.
Aber offenbar brauchen die Menschen nach einer so langen Phase legitimer Verschwendung eine Art positiven Kulturschock, der sie wachrüttelt und ihnen zeigt, wie schön das Leben auch sein kann ohne Überfluss und wie wohltuend einfach Genuss sein kann, wenn man im Anayela die Seele baumeln lässt.
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Sie pendeln zwischen Marrakech und Berlin, dem Sitz Ihrer in 2007 gegründeten Beratungs- und Projektgesellschaft „Berndkolb.com GmbH“.
Was ist Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit mit Berndkolb.com? Wie empfinden Sie den großen Gegensatz zwischen der Atmosphäre in Berlin und in Marrakech,
gelingt es, die Magie dieses Ortes zu konservieren und im Berliner Alltag zu nutzen?
KOLB: Meine Tätigkeit als Berater ist sehr vielseitig. Neben Medienunternehmen sind es vor allem Lifestyle-Marken, für die wir neue Strategien entwickeln. Ich halte viele Vorträge und moderiere Thinktanks und Workshops. Und darüber hinaus entwickeln wir weitere „places of inspiration“, aber das ist noch top secret.
Da ich genau die Hälfte des Jahres in Berlin und die andere in Marrakech verbringe, wandere ich symbolisch im Monatsrhythmus zwischen den Welten, und ich liebe sie beide. Sie haben auch durchaus Gemeinsamkeiten, beide Städte sind weltoffen und erleben eine extreme Dynamik, das alleine ist schon ansteckend.
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Beim Betrachten Ihrer Vita ist erkennbar, dass Mut, Initiativ- und Innovationskraft und der Wille zur Veränderung im Vordergrund stehen, dass unvorstellbare Gegensätze Ihren Weg prägen, vom Mulitmedia-Unternehmer , „Kolumbus des Cyberspace“ zum Telekom-Vorstand bis hin zum Hotelier, den die Kraft zur Inspiration, zum Miteinander und Verstehen treibt.
Wenn Sie Ihre unterschiedlichsten Lebensphasen betrachten, ist die jetzige ein Ergebnis Ihrer gewonnenen Erkenntnisse? Ist ein Leben mit iPod und Laptop zwischen Kräuterdoktoren, Schlangenbeschwörern, Geschichtenerzählern und Händlern Ihre bisher glücklichste Zeit? Und haben Sie den frühen Weggang von T-Com jemals bereut?
KOLB: Also ich bin kein Hotelier. Wir haben eine professionelle deutsche Hotelmanagerin, die einen super Job macht, und ich habe vor einer solchen „Arbeit am Menschen“ sehr viel Respekt.
Ich war, bin und bleibe Unternehmer, immer neugierig, offen, und Innovation ist nur ein technischer Begriff für „Verändern, neu machen, anders machen“.
So gesehen sollte das die Triebfeder jedes guten Unternehmers sein, denn „etwas unternehmen“ braucht genau die beschriebenen Tugenden.
Ich freue mich natürlich sehr darüber, dass ein so innovatives Konzept wie das der „places of inspiration“ von Gästen und Kritikern gleichermaßen euphorisch aufgenommen wird. Aber auch das ist Marketing in Reinkultur, denn Marketing bedeutet, dass man sich an den (sich stetig verändernden) Bedürfnissen der Menschen ausrichten muss, und genau das haben wir konsequent getan.
Experten haben die Krise, in der wir uns jetzt befinden, bereits vor Jahren vorausgesagt, und die Zeit ist reif für Wandel, für neue Ansätze in Wirtschaft und Politik, die den Herausforderungen der Zukunft gerecht werden können. Aber die Lenker und Macher dieser Welt müssen diese Chance „begreifen“, nicht nur intellektuell, sondern insbesondere emotional, und genau hier bietet das Anayela eine ideale Plattform. Unser Produkt ist also nicht das Hotel und seine Services und Funktionen, sondern wir bieten eine echte Erfahrung an, die die Seele berührt, und dadurch gewinnt das Konzept an symbolischer Bedeutung, was das große weltweite Interesse erklärt, das uns gerade für ein solch ganzheitliches Projekt entgegengebracht wird.
Wenn man bedenkt, dass wir es beispielsweise geschafft haben, bei den Stadtvätern von Dubai eine Diskussion auszulösen darüber, ob der „höher-breiter-schneller“-Wahnsinn einer solchen Stadtentwicklung wirklich nachhaltig ist und nicht Gefahr läuft, Kultur und Identität einer Region in Vergessenheit geraten zu lassen, dann zeigt das beispielhaft, dass wir den richtigen Nerv getroffen haben.
In unseren Workshops und Thinktanks diskutieren wir also genau diesen Wandel, und das aus ganz verschiedenen Perspektiven, aus der Sicht von Marken, Medien und Politik, also Innovation pur, und hier schließt sich der Kreis zu meinen bisherigen beruflichen Stationen. Es ist also eine konsequente Weiterentwicklung und kein Bruch zu meiner Vergangenheit.
Und ich habe noch nie etwas bereut, und gerade meine Zeit als Telekom-Vorstand gab mir die letzte Gewissheit, dass wir die Welt nur verändern können, wenn wir ihre Führer inspirieren, und genau dafür haben wir mit dem Anayela die passende, stimulierende Umgebung.
Und da das nicht nur sehr gut funktioniert, sondern für mich selbst das große Privileg beinhaltet, dass ich die spannendsten Menschen der Welt treffen und mit ihnen diskutieren kann, bin ich damit sehr glücklich.