5 Fragen an Christian Holst, Koordinator der stART.09 Conference
Montag, 17. August 2009
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Herr Holst, Sie sind verantwortlicher Koordinator der stART.09 Conference, deren Ziel es ist, Künstlern, Kulturschaffenden, Kulturmanagern und Kreativen die Potenziale des Web 2.0 vorzustellen und dessen Chancen und Risiken aufzuzeigen und zu diskutieren. Experten und Projektverantwortliche berichten über ihre Erfahrungen.
Wie kam es zu diesem Projekt? Was veranlasste Sie, sich auf die Schnittstelle zwischen Kultur und Web 2.0 zu fokussieren, sehen Sie hier Nachholbedarf?
HOLST: Ausgangspunkt für die Konferenz war der große Erfolg, den die Duisburger Philharmoniker mit ihren Social Media-Aktivitäten "dacapo" hatten. Frank Tentler, der Projektleiter, hatte die Idee zu der Konferenz und fragte einige Blogger, darunter mich, bezüglich organisatorischer und konzeptioneller Unterstützung. So haben wir dann im vergangenen Herbst als kleines Team die Arbeit aufgenommen. Die Idee der Konferenz wurde schnell konkret, denn uns war klar, welches Potenzial einerseits im so genannten Web 2.0 steckt, und andererseits auch, dass dieses Potenzial von Kulturunternehmen im deutschsprachigen Raum noch lange nicht ausgeschöpft wird. Dabei bietet es sich für sie besonders an, denn sie können hier den immer knapper werdenden Etats und schrumpfenden Einnahmen einen unerschöpflichem Reichtum an Inhalten entgegensetzen. Und genau darüber funktionieren soziale Medien. Sie kosten sehr wenig, aber man muss etwas zu sagen haben, um sie nutzen zu können. "Content is king" ist das Schlagwort. Darin steckt ein enormes strategisches Potenzial für Kultur- und Kreativunternehmen, eben weil anspruchsvolle, interessante Inhalte ihr tägliches Geschäft sind. Dieses Potenzial möchten wir mit der Konferenz ausloten.
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In Praxis-Workshops bieten Sie den Teilnehmern die Möglichkeit, eine Social Media-Strategie für ihre Einrichtung oder ihr Unternehmen zu entwerfen.
Ist es innerhalb einer nur zweitägigen Konferenz tatsächlich möglich, das Wissen nicht nur zu erwerben, sondern bereits praktisch umzusetzen? Gibt es für Sie allgemeingültige Kernfaktoren, aus denen sich der Erfolg von Social Media und Web2.0 ableiten lässt?
HOLST: Ich glaube, der entscheidende Faktor, den man verstehen muss, ist, dass Social Media wie ein ganz normales Alltagsgespräch funktioniert: Man unterhält sich und tauscht sich mit anderen Menschen aus - und zwar auf Augenhöhe. Das ist ein entscheidender Unterschied zur herkömmlichen Unternehmenskommunikation, dass man im Social Web echte Gespräche führt, Dialog statt Monolog. Das ist in meinen Augen der zentrale Aspekt.
Zur Frage, ob es möglich ist, das erworbene Wissen auch gleich umzusetzen: Wir haben das Programm der Konferenz so strukturiert, dass sich die Teilnehmer zunächst mit den theoretischen Grundlagen vertraut machen können. Was ist neu am Social Web? Was zeichnet es aus? Wie unterscheidet sich Marketing von dem herkömmlichen Marketing usw? Damit das nicht nur Theorie bleibt, haben wir etliche interessante Best-Practice-Projekte eingeladen, von ihren Erfahrungen zu berichten. Und schließlich bieten wir die Möglichkeit, dass man in Workshops die konkrete Anwendung der Social Media-Tools trainiert und eben schaut, wo und wie man Social Media in der eigenen Arbeit sinnvoll nutzen kann. Man wird nicht mit einem ausgearbeiteten Social Media-Konzept nach Hause gehen, aber doch eine klare Vorstellung davon haben, worauf es ankommt. Jeder führt täglich dutzende Gespräche und die technischen Aspekte bei Social Media sind in aller Regel schnell zu lernen. Deswegen wollen wir auch gleich auf der Konferenz in die Praxis starten.
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Nicht alle Social Media Aktivitäten bringen etwas oder erreichen jemanden. Die erst kürzlich gelaunchte Vodafone-Kampagne zielte zu 100% auf die "Generation Upload" und bediente sich für die TV-Kampagne prominenter Blogger und Social Media Akteure - vernichtende Kritiken waren das Ergebnis.
Was bedeutet Social Media für Sie? Erläutern Sie uns die Erfolgs- und Killerfaktoren beim Einsatz von Social Media?
HOLST: Das Problem der Vodafone-Kampagne war in meinen Augen, dass man einem großen Konzern die authentische Kommunikation auf Augenhöhe, von der ich eben gesprochen habe, nicht so leicht abnimmt, zumal, wenn man noch in Kampagnen denkt. Das ist ein ganz grundsätzliches Problem für große Unternehmen, gar nicht ein spezielles von Vodafone, die immerhin den Mut hatten, mal etwas Neues zu probieren. Bei Kulturunternehmen und Künstlern sehe ich das Problem allerdings nicht, weil sie viel direktere, selbstverständlichere Möglichkeiten haben, Gespräche im Web zu erzeugen: Die Menschen, Geschichten und Ideen bieten einfach einen unerschöpflichen Fundus an spannenden und interessanten Themen. Ein neuer Telefontarif hat in dieser Hinsicht zunächst wenig zu bieten. Alles darum herum muss erfunden und kulturell aufgeladen werden.
Glaubwürdigkeit und Authentizität sind also entscheidende Erfolgsfaktoren. Weitere Punkte, die damit zusammenhängen, sind Ehrlichkeit, Offenheit und die Fähigkeit zuzuhören. Das ist wie bei einem Gespräch auf einer Party oder in der Kantine: das beendet man auch schnell, wenn das Gegenüber Interesse heuchelt oder nur über sich selbst spricht. Und es können eben nur Menschen mit Menschen kommunizieren, nicht Organisationen oder Unternehmen mit Menschen. Klingt eigentlich trivial, aber diese neue Art der Kommunikation setzt einen echten Paradigmenwechsel voraus. Möglicherweise ist das auch ein Grund, warum sich selbst viele Kulturbetriebe damit noch schwer tun.
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Auf der "stART.09" Konferenz sind Einrichtungen und Projekte vertreten wie z.B. "Dakapo", das "Städelmuseum Frankfurt", die "Berliner Festspiele".
Wer und warum sind Ihre "Social Media Helden", die mit den neuen Medien und Möglichkeiten richtig und wirkungsvoll umgehen?
HOLST: Die Duisburger Philharmoniker sind sicher beispielhaft im Bereich der sogenannten Hochkultur und in Sachen Professionalität und Erfolg ganz vorne mit dabei. Aber das Städelmuseum, die Kronberg Academy und die Berliner Festspiele und viele weitere Initiativen haben ebenfalls beispielhafte Projekte auf die Beine gestellt.
Ich freue mich aber auch sehr, dass Gerd Leonhard unsere Einladung angenommen hat und ein Keynote-Referat auf der Konferenz halten wird. Gerd Leonhard ist einer der prominentesten Vertreter der so genannten Musikflatrate. Angesichts der Probleme der Musikindustrie, deren altes Geschäftsmodell ins Straucheln gekommen ist, ist das ein sehr folgerichtiger und konsequenter, aber auch umstrittener Ansatz, mit der offenen, dynamischen Webkultur umzugehen. Das wird sicher eine sehr angeregte Diskussion geben.
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Wir erleben mehr denn je eine rasante Entwicklung von Technik, Innovation, neuen Möglichkeiten und Herausforderungen.
Welche Chancen und welche Gefahren sehen Sie in dieser Entwicklung? Welche Kenntnisse und Fertigkeiten sollten die Kulturschaffenden heutzutage mitbringen?
HOLST: Bei der enormen Dynamik der Entwicklung ist es natürlich ein Risiko, dass man auch mal aufs falsche Pferd setzt. Man kann jetzt ja noch nicht wissen, welche das Rennen machen wird. Um Second Life ist es ja nach dem immensen Hype vor einigen Jahren wieder ziemlich still geworden, obwohl es nach wie vor noch sehr interessante Möglichkeiten zum Beispiel für Museen bietet. Möglicherweise wird es Twitter, dem großen Hype von heute, irgendwann ähnlich ergehen.
Auf der anderen Seite ist diese Dynamik auch genau das Spannende am Social Web. Alles ist offen und das bietet einen immensen Gestaltungsspielraum und die Möglichkeit, viele Dinge ganz grundlegend neu zu denken - Beispiel Musikflatrate oder Dialog statt Monolog in der Kommunikation mit Fans oder Besuchern. Das ist doch gerade für den kreativen Sektor eine tolle Spielwiese! Die Fähigkeit, auf die es hierbei ankommt, ist in meinen Augen wieder, gut zuhören zu können, zu erspüren, was gerade in der Luft liegt und die Neugier, Neues auszuprobieren. Künstler und Kreative leben davon, genau das besonders gut zu können. Deswegen bin ich überzeugt, dass sie nur gewinnen können, wenn sie sich in das Abenteuer Social Media stürzen. Die stART.09 wird dafür sicher ein hervorragendes Kick-Off sein!