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Backstage: Das Interview

Christian Jagodzinski
Christian Jagodzinski

5 Fragen an Christian Jagodzinski, Unternehmer


Montag, 30. November 2009


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Herr Jagodzinski, bereits als 16-jähriger Schüler gründeten Sie 1985 Ihre eigene Software-Firma, Sie entwickelten Deutschlands ersten Online-Buchshop mit einer Datenbank von einer Million Buchtiteln. Amazon wollten Marktpräsenz in Europa, wollten Ihr Know-How im Online-Bestellwesen, so kauften sie in 1998 für 32 Millionen Dollar Ihre Programmierung.
Hätten Sie zu der Zeit Ihrer Firmengründung dem Thema E-Commerce solche Erfolgschancen eingeräumt? Wie haben Sie den plötzlichen Sprung zum Multimillionär verkraftet?

JAGODZINSKI: 1985 haben mein Geschäftspartner und ich nicht gleich auf das Thema E-Commerce gesetzt. Wir haben vielmehr zunächst eine Software geschrieben, die Computer und Online-Medien zusammenschließt. Wir sind mit unterschiedlichen Publishing- und Backoffice Programmen gestartet. Auf das eigentliche Thema E-Commerce sind wir mehr über eine Nebenfahrbahn gekommen.

1985 war der Buchhandel noch analog und sehr umständlich strukturiert. Das gesamte Bestellwesen wurde händisch mittels Katalogen abgewickelt. Wir haben als erster Anbieter die Katalog-Daten auf CD-Rom gebracht und automatisierte Suchmöglichkeiten installiert. Und vor allem haben wir dies als erster Anbieter zu vernünftigen Preisen angeboten. Wir haben durch unsere Arbeit unglaublich viele Daten gesammelt. Mindestens hinter der Hälfte der Buchveröffentlichungen standen Kleinstverlage, die pro Jahr nur wenige Bücher auf den Markt brachten und keinerlei Daten digitalisiert hatten. Da waren unzählige Stunden nötig, alle Daten in Handarbeit einzutragen. Anfang der 90er Jahre wurde der Großhändler Libri auf uns aufmerksam und fragte uns, ob wir an einer Zusammenarbeit interessiert wären. Mit Libri erreichten wir eine gute Abdeckung in ganz Deutschland.

Unser Buchshop war ein Folgeprodukt aus unserer bereits eingesetzten Software, unseren gesammelten Daten, unserem bestehenden Büro und der Erkenntnis, dass der Bestell- und Vorbestellvorgang vor Ort ohnehin über unser System läuft. Wieso sollte also ein Kunde ein Buch beim Händler vor Ort vorbestellen und drei Tage später wieder persönlich abholen, wo doch eh alle Daten über unser System gespeichert, verwaltet und verarbeitet wurden? So haben wir uns dem Thema E-Commerce genähert und starteten anfänglich mit täglich 3 Bestellungen. Hauptschwerpunkt war Fachliteratur, die so kaum im Buchhandel vorrätig war. 1995 entstand dann der große Internetmarkt, das dann veraltete BTX System wurde durch das WWW abgelöst, und wir machten eine graduelle Evolution. Wir waren Vorreiter am Markt und wurden in der Presse in einem Atemzug mit E-Commerce genannt. Der Buchhandel selber hat uns nicht groß gefördert, aber glücklicherweise auch nicht blockiert. Ich glaube, das Thema E-Commerce wurde einfach nicht als Milliarden-Dollar-Geschäft gesehen. Amazon war zu dem Zeitpunkt mit viel Geld ausgestattet und betrieben einen offensiven Expansionskurs. 1998 kauften sie dann unsere Firma, unser Erlös waren Aktien, die für ein Jahr gesperrt waren. Im Nachhinein unser großes Glück, wenn man sich den Kursverlauf der Aktien betrachtet.

Wir haben bereits Anfang der 90er versucht, elektronische Flugbuchungen oder den Verkauf von Theaterkarten über den Computer zu realisieren. Diese Projekte sind aber gescheitert, da wir unserer Zeit einfach voraus waren. Das antworte ich auch all den Leuten, die sagen, ich hätte damals einfach nur Glück gehabt: Wir haben damals vieles versucht und mehrere Projekte gleichzeitig entwickelt. Eines davon hat eben richtig funktioniert. Wir hatten zudem noch das Glück, dass wir 1998 noch eine zweite Firma für 10 Millionen Dollar verkauften, die als eine der ersten Provider bezahlbare Angebote hatte. Man muss eben nicht nur zur rechten Zeit am rechten Ort sein, sondern auch aktiv sein und konzentriert einige Dinge versuchen.

Wenn man Unternehmer ist, ändert sich trotz des Geldsegens nicht so viel, wie man vielleicht denkt. Auch vorher hatten wir Umsätze in Millionenhöhe, wenn natürlich auch nicht auf dem Privatkonto. Die Veränderung ist nicht so gravierend, wie wenn man beispielsweise plötzlich im Lotto gewinnt. Hinzu kam, dass der Verkauf an amazon ja ein reiner Aktien-Deal war, so dass ich Zeit hatte, mich darauf einzustellen. Als größte Bereicherung habe ich aber nicht das Geld an sich empfunden, sondern die Freiheit und räumliche Unabhängigkeit, die ich dadurch bekam. Auf einmal konnte ich es mir aussuchen, wo ich leben wollte. Ich hatte mich damals für die beiden Standorte Paris und Miami entschieden. Ich wollte weg von dem schlechten Wetter in Deutschland und den verkrampften Menschen.


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Die letzten Jahre gab es weltweit eine große Gründerwelle, die vorrangig neuen Internetkonzepte beinhaltet. Das Internet galt als demokratisches Medium, mit dem jeder groß werden kann.
Sehen Sie einen Bedarf an so zahlreichen Anbietern? Haben diese eine Marktchance, oder wird das Internet ein Medium von wenigen, großen Anbietern? Wie sehr ist es vom Standort Deutschland aus möglich, eine weltweit erfolgreiche Internetfirma aufzubauen?

JAGODZINSKI: Gerade heute, 15 Jahre nach meiner aktiven Zeit, glaube ich an keinen weltweiten Erfolg, der mit wenig Kapital und einer kleinen Webseite startet. Die typische Garagenfirma, die in den 90er Jahren noch weltweit groß und erfolgreich werden konnte, ist aufgrund der massiven Konkurrenzsituation heutzutage so nicht mehr möglich. Hinzu kommt, dass die Suchmaschinenlistungen sehr teuer sind, so dass es einer großen Kapitaldecke bedarf. Da sehe ich derzeit schon größere Chancen mit einem physischen Laden, wo man das Potenzial der Laufkundschaft im Vorfeld kalkulieren kann. Zufällig kommt heute keiner mehr auf eine Website.

Ja, grundsätzlich ist der Standort egal. Vorausgesetzt, es handelt sich um ein reines Informationsprodukt, das mehrsprachig umgesetzt ist. Wenn es um physische Produkte geht, dann spielen Marktgröße, Distributionspunkte und Logistik eine große Rolle, und da sind Länder wie USA klar im Vorteil. Ich glaube, der Grund, warum viel mehr Start-ups aus USA erfolgreich werden, liegt daran, dass man in den USA viel einfacher Startkapital erhält und der Börsengang schneller und erfolgreicher vollzogen wird. Aber Firmen wie Skype zum Beispiel zeigen ja, dass auch vom Standort Skandinavien aus sich ein weltweites Unternehmen entwickeln kann.


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Anfang 2006 launchten Sie zusammen mit einem Banker und Anwalt "Othello Investments". Sie managen gemeinsam Fonds für reiche Personen. Ihre Besonderheit ist, dass Sie nur dann eine Vergütung verlangen, wenn Ihre Performance eine bestimmte, vorher festgelegte Benchmark übersteigt.
Waren Sie erfolgreicher als der Marktdurchschnitt? Wie betroffen waren Sie von der allgemeinen Finanz- und Wirtschaftskrise?

JAGODZINSKI: Othello Investments wurde leider nie umgesetzt. Es war eine gute Idee, ich habe aber stattdessen mit vielen anderen Investments experimentiert. Ich bin Unternehmer und kann mein Geld nicht zu einer 5%igen Verzinsung für 30 Jahre anlegen. Ich muss mit dem Geld arbeiten. Ich habe mich als Investor an einigen Unternehmen beteiligt, dann aber schnell gemerkt, dass auch diese Bereiche sehr wettbewerbsintensiv und schwierig sind. Ich habe mit vielen Bankern schlechte Erfahrungen gemacht. Ich halte es für einen Fehler im System, dass Banker nur am Volumen, nicht aber an der Rendite gemessen und entlohnt werden. Das macht Banker zu reinen Verkaufsleuten, die meine wirtschaftlichen Interessen aber nicht wirklich vertreten. Und dafür muss ich auch noch Verwaltungs- und Managementgebühren zahlen. Da ist es schon einfacher, sich seine Anlagebereiche zu überlegen und dann Indexpapiere zu kaufen. So zahlt man nur einmal und muss keine weiteren Gebühren zahlen.

Anstelle von Othello Investments lege ich einen Immobilienfonds auf, der sich auf Premium Immobilien in Miami spezialisiert. Unser Ziel ist es, das investierte Kapital innerhalb von 5 Jahren zu verdoppeln. Ich glaube, dies ist vor allem mit "Waterfront" Immobilien zu erreichen. Wir konzentrieren uns auf den Immobilienmarkt in Miami, da dieser zusammengebrochen ist. Wir haben so die Möglichkeit, tolle Häuser am Wasser zu guten Preisen zu kaufen. Wir legen dafür den "Villazzo Waterfront Properties Fund" auf. Das ist meine beste Wette in diesen Zeiten: Waterfront Immobilien zu guten Preisen.


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Sie haben oft in Luxushotels und Luxusvillen gewohnt und dabei jeweilige Mängel festgestellt. Im Luxushotel vermissten sie die Privat- und Intimsphäre, und in der Villa vermissten Sie den Service. In diese Marktlücke stießen Sie mit Ihrem "Villazzo"-Konzept, bei dem in Villa-Hotels alles bereitgestellt wird: z.B. Butler, Gourmetkoch, Chauffeur, Bodyguards, ggfs. Limousine, Yacht u.a.
Ist ein Projekt wie Villazzo krisenanfällig in Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise? Wer ist hauptsächlich Ihre Zielgruppe?

JAGODZINSKI: Ich habe selber viele Häuser gemietet, die aber alle - unabhängig vom Preis - Jugendherbergsniveau hatten. Ob nun zu wenige Handtücher, eine defekte Heizung, dreckige Badezimmer oder falsche Ausstattung, es war nie so komfortabel wie im Hotel. Im Hotel jedoch hat man nicht die gewünschte Privatsphäre. Wir haben mit "Villazzo" eine Hotel-Management-Firma gegründet, die auf Premium Ferienhäuser spezialisiert ist. Wir haben diverse lokale Niederlassungen an zentralen Orten. Diese Zwischenrolle zwischen Vermieter und Makler gibt uns bis heute ein Alleinstellungsmerkmal. Unsere Wettbewerber sind entweder nur reaktiv, reagieren nur, wenn ein Problem schon vorhanden ist, oder versprechen Services, die sie nicht halten können.

Die ersten 6 Monate dieses Jahres ist das Buchungsniveau extrem zurückgegangen. Es scheint, als wären alle, auch die Reichen, in eine Art Schockstarre verfallen. Ab Juli hat sich die Situation wieder normalisiert. Was aber bleibt, ist ein verändertes Konsumverhalten. Preise werden stärker hinterfragt und verhandelt, was zählt, ist ein gutes Preis-Leistungsverhältnis. Wir haben mit "V Villa" reagiert, wo wir Premium Villen auch ohne den Hotelservice vermieten. Personal kann individuell und nach Bedarf dazugebucht werden. Dadurch wird unsere Zielgruppe etwas breiter. Wohingegen wir vorher fast nur Milliardäre hatten, die mit eigenem Privatjet anreisten, sind es nun auch Familien, die schöne Häuser mit großer Freiheit und Privatsphäre verbinden wollen. Was bleibt, ist das Premium Segment, so dass es bei uns keine Villa unter 10.000 USD die Woche zu mieten gibt.


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Ihre Karriere begann mit Ihrer Leidenschaft für Computer.
Was ist von dieser Faszination heute übrig geblieben? Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

JAGODZINSKI: Ich werde oft gefragt, ob ich nicht wieder beruflich was mit Computern oder Internet machen möchte. Aber das habe ich viele Jahre gemacht und wende mich heute lieber anderen Dingen zu, wie zum Beispiel dem Immobiliengeschäft, das ich ja auch mit den Neuen Medien verbinde. Als Anwender habe ich aber nach wie vor eine große Faszination und Leidenschaft für Computer und Technik, ich beschäftige mich viel mit den neuen Sachen, die auf den Markt kommen. Ich habe mein gesamtes Haus vernetzt, kann es mit einer Fernsteuerung und - seit Neuestem - auch mit meinem iPhone steuern. Wir haben zu Hause keinen Schlüssel mehr, sondern steuern es mittels Biometrie, also mit Handscannern. Wir stellen so technisch ein, wer zu welcher Uhrzeit für welche Räume eine Zutrittsberechtigung hat. Der Nachteil ist, dass diese modernen Techniken sehr anfällig sind, was mich häufig an meine Zeit vor 20 Jahren erinnert. Aber wenn es dann läuft, ist es einfach fantastisch.

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Mehr zu den Themen Internet finden Sie in diesen Artikeln: Interview mit Beat Knecht, Interview mit Lukasz Gadowski, Interview mit Daniel Giersch, Interview mit Thomas Wagner, Interview mit Bernd Kolb, Interview mit Dr. Gottfried Neuhaus, Interview mit Stefan Winners

 


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