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Backstage: Das Interview

Jakob Augstein
Jakob Augstein

5 Fragen an Jakob Augstein, Journalist, Publizist und Herausgeber

Montag, 02. Februar 2009

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Herr Augstein, nach Ihrem Politikstudium waren Sie 10 Jahre als Journalist für die Süddeutsche Zeitung in München und Berlin tätig, davon 3 Jahre als Chef der Berlin-Seite. Im Jahre 2008 kauften Sie die Ost-West-Wochenzeitung "Freitag", die 1990 aus der Fusion der DDR-Kulturzeitung "Sonntag" und der westdeutschen, DKP-nahen "Deutschen Volkszeitung" entstanden war.
Sie wollen sich damit der Tendenz vieler Zeitungen zur Normierung, zur Mehrheitsmeinung widersetzen und die ganz eigene und kluge Sicht des "Freitag" in die Waagschale werfen.
Wie wollen Sie dies genau erreichen, und woraus leiten Sie den Bedarf einer solchen Zeitung ab?

AUGSTEIN: Der Freitag steht für mehr Meinung und weniger Respekt. Es gibt eine Tendenz zur Nivellierung in den Zeitungen - alle streben in die Mitte. Sie vermeiden Themen, die sich an den Rändern der Gesellschaft auftun. Das führt aus meiner Sicht zu einer Verarmung in der Medienlandschaft. Mit dem neuen Freitag setzen wir dagegen den Mut zur und die Lust an der Haltung. Wir machen Experimente, gehen Risiken ein. Wir stellen Fragen, die andere schon längst für beantwortet halten. Natürlich bleiben wir eine linke Zeitung - aber eine, die nicht berechenbar ist, eine die überraschend ist und auch den Mut hat, eigene Überzeugungen in Frage zu stellen.


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Am 5. Februar wird der "Freitag" mit dem Untertitel "Das Meinungsmedium" am Kiosk und im Internet rundum erneuert erscheinen, mit einem anderen Layout, mit einem achtseitigen Ressort "Alltag", mit ins Deutsche übersetzten Artikeln der britischen Zeitung "Guardian" und mit kontroversen bürgerlich-konservativen Meinungstexten. Als Verleger wollen Sie neue Leser gewinnen, Ihre Zielgruppe ist der "souveräne Sinnsucher", das eher ältere linksintellektuelle Bürgertum.
Würden Sie uns diese Zielgruppe näher erläutern, und halten Sie das Potenzial dieser Lesergruppe für groß genug, um die Reichweite von "Freitag" dauerhaft zu erhöhen?

AUGSTEIN: Der Freitag richtet sich an Menschen, für die Wissen, Haltung und Meinung haben ein Wert ist. Menschen, die global vernetzte Hintergrundinformationen suchen, die das Weltgeschehen kommentieren und mit gestalten wollen. Sich selbst eine Meinung bilden, sie äußern und vertreten wollen. Kurz: Der Freitag richtet sich an souveräne Sinnsucher. Damit erreichen wir eine Lesergruppe mit einem Potenzial von mehreren Millionen Menschen. 


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Künftig wird sowohl im Printmedium "Freitag" als auch im Netz unter freitag.de Werbung zu finden sein, um die wirtschaftliche Basis zu stärken und den geringen Copypreis zu subventionieren. Das Blatt soll trotz seiner 28 vierfarbigen Seiten weiterhin nur Euro 2,90 kosten. Eine Werbe- und PoS-Kampagne aus dem Hause Scholz & Friends wird den Neustart begleiten.
Wird Ihre Absicht, die Identität des "Freitag" nicht zu gefährden und die bisherigen Leser nicht heimatlos zu machen, durch Einbringen der Werbung in Frage gestellt? Glauben Sie, dass in Zeiten der Finanz- und Medienkrise und sinkender Auflagenzahlen mit dem klassischen Mix aus Copypreis und Werbeerlösen eine gesunde Finanzierung dauerhaft gewährleistet wird?

AUGSTEIN: Ich muss mit einem Vorurteil aufräumen: Auch früher hatte der Freitag schon Anzeigen. Aber da warb eben der Antifaschistische Fahrrad-Corso. Das wurde von den Lesern gar nicht als Anzeige wahrgenommen. Doch Werbung bleibt Werbung. Und alle, die jetzt fürchten, es kämen bald ganz viele Anzeigen, kann ich beruhigen. Dagegen spricht schon die Medienkrise. Trotzdem bin ich der Meinung, dass wir unter günstigen Bedingungen starten. Die Krise ist eine Zeit der Politisierung. Für uns gut, denn darin sind wir stark. Außerdem gehen wir einen eigenen publizistischen Weg: Wir wollen unsere Leser nicht kaufen. Sie bekommen bei uns keinen iPod, wenn Sie ein Abo bestellen. Wir nehmen uns Zeit, die Leute von der Qualität unserer Arbeit zu überzeugen. Ein erhöhter Heftumfang bei gleichem Copypreis wird von dem Glauben getragen, dass Qualitätsjournalismus sich durchsetzen und wirtschaftlich erfolgreich verkaufen lässt. 


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Am 5. Februar startet Ihr neues Internetportal, eine hierarchisch strukturierte Community-Plattform mit einfachen Nutzern, Bloggern und sogenannten Publizisten. Den Status des Publizisten erhalten verdiente und beliebte Nutzer, die Beiträge werden bezahlt und an speziellen, rot gekennzeichneten Plätzen im Printmedium veröffentlicht. Sie wollen ein Mitmach-Medium, allerdings moderiert und gesteuert durch Ihre Redakteure. "Überspitzt formuliert, wird der "Freitag" nicht eine Zeitung mit einer Website, sondern eine Website mit einer Zeitung sein", so ein Zitat von Ihnen.
Welche Rolle und Bedeutung messen Sie der Redaktion bei, und welche inhaltliche Trennung sehen Sie zwischen Online und Print?

AUGSTEIN: Beim Freitag geht es um Kommunikation. Wir bieten unseren Lesern in Print und Online künftig viele Möglichkeiten, sich zu beteiligen. Das ist der Kern. Das unterscheidet uns von herkömmlichen Zeitungen. Grenzen zwischen klassischem Journalismus und den neuen Publikationsmöglichkeiten im Internet zu ziehen, ist altes Denken. Wir sind der Meinung: Was gut geschrieben ist, findet sein Publikum, egal ob aus einem Blog oder von einem klassischen Medium. Die Journalisten in der Redaktion sind Informationsmanager, die Themen, Inhalte, Orientierungen, Hintergründe aufspüren, miteinander verknüpfen und unseren Lesern zugänglich machen. Die Online- und die Printausgabe des FREITAG sind vollständig miteinander verzahnt. Das ergibt sich schon aus der Personalunion der Redaktion. So verweist die eine Ausgabe kontinuierlich auf die andere und umgekehrt. 


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Sie haben nach dem Tod Ihres Vaters, SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein, das Alleinvertretungsrecht der 24%igen Familienanteile am SPIEGEL. Jedoch ist den Augstein-Erben der direkte Einfluss, um den Sie jahrelang gekämpft haben, auf die Geschäftsführung verwehrt, Sie agieren auf der Seite der Mitarbeiter-KG als Ratgeber und Interessenvertreter.
Wie stark ist Ihr Einfluss bei Personalentscheidungen? Inwieweit konnten Sie gerade in den vergangenen 1,5 Jahren, in denen es um die Besetzung des Chefredakteurs und des Geschäftsführers ging, mitagieren oder nur kommentieren? Steht Ihre neue Tätigkeit als Verleger des "Freitag" in Zusammenhang mit Ihren Erfahrungen beim SPIEGEL?

AUGSTEIN: Im Spiegel- Verlag habe ich heute eine eher beratende Funktion. Aber von allen Gesellschafter-Vertretern sitze ich schon die längste Zeit am Tisch. Das ist keine schlechte Position. Für mich ist das jedoch auch nur ein Job. Sie ahnen gar nicht, wir nüchtern ich das sehen kann. Vor 2004 habe ich nicht daran gedacht, Verleger zu werden. Aber natürlich bin ich seit meinem 25. Lebensjahr auf den Gesellschafterversammlungen des "Spiegel" gewesen und habe dadurch viel vom Mediengeschäft mitbekommen. Ohne diese Erfahrung hätte mich das Projekt einer eigenen Zeitung vielleicht wegen seiner Komplexität abgeschreckt.


 

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Mehr zum Thema Medien und Presse finden Sie in diesen Artikeln: Interview mit Stefan Winners, Interview mit Ulrich Wickert, Interview mit Peter Turi, Interview mit Walter Richtberg, Interview mit Konstantin Neven DuMont, Interview mit Dirk Manthey


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