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Backstage: Das Interview

Pavel Richter
Pavel Richter

5 Fragen an Pavel Richter, Geschäftsführer von "Wikimedia Deutschland - Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e. V."


Montag, 22. Februar 2010


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Herr Richter, nach Ihrem Studium von Politik, Geschichte und Öffentlichen Recht starteten Sie Ihre berufliche Karriere als Projektmanager bei IBM, seit 2004 engagierten Sie sich als Autor und Mitglied des Vereins "Wikimedia Deutschland - Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens". Die Personalfindungskommission wählte Sie als Geschäftsführer zum 1. August 2009. Die freie Online-Enzyklopädie "Wikipedia" gehört zu Ihren wichtigsten Projekten, in denen sich Freiwillige ohne zentrale Richtungsvorgaben selbst organisieren.
Wie müssen wir uns Ihre Führungsaufgabe vorstellen? Inwieweit hat Wikimedia Einfluss auf Wikipedia?

RICHTER: Ich führe die Geschäfte des Vereins im Auftrag des Vorstands von Wikimedia und in enger Abstimmung mit den ehrenamtlichen Vorstandsmitgliedern.
Unser Vorstand gibt langfristig Visionen und mittelfristige Ziele vor, die wir in gezielte Aktivitäten umsetzen. Hierzu zählt die Freiwilligenförderung und Unterstützung der Wikipedia-Autoren ebenso wie eine Reihe von Maßnahmen, um neue Autoren zu gewinnen und über Freies Wissen aufzuklären. Zugleich sind wir Ansprechpartner für Presse und Öffentlichkeit. Und wir investieren in die technische Infrastruktur, um den Zugriff auf die Inhalte der Wikimedia-Projekte zu beschleunigen. Für die Umsetzung dieser Ziele unterhalten wir eine Geschäftsstelle in Berlin, für die derzeit 11 Menschen arbeiten. Wir haben für 2010 ein Jahresbudget von über 1,3 Millionen Euro blog.wikimedia.de/2010/01/14/der-haushaltsplan-2010/ .
Meine Aufgabe besteht in der Anleitung der Mitarbeiter, der Verwaltung der Mittel des Vereins, der strategischen Planung und der Repräsentation des Vereins.
Wikimedia Deutschland wurde 2004 von aktiven Autoren gegründet und auch heute sind viele unserer Mitglieder und Vorstände aktiv in der Wikipedia und anderen Projekten tätig. Als Verein arbeiten wir jedoch nicht redaktionell in der Wikipedia und beziehen keine inhaltlichen Positionen, d.h. wir nehmen nicht Partei in internen Diskussionen; wir sind auch nicht die oberste Instanz bei Streitigkeiten. Die Wikipedia organisiert sich seit Bestehen im Jahr 2001 selbst - und das sehr erfolgreich. Wir unterstützen sie da, wo wir gebraucht werden.


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Ende Dezember letzten Jahres feierte die deutsche Wikipedia-Ausgabe ihren einmillionsten Eintrag. Dieser porträtierte den ziemlich unbekannten amerikanischen Gartenbauer und Salbeiexperten Ernie Wasson und löste wegen fehlender Relevanz einen Löschantrag aus. Nach heftiger Debatte und zahlreichen Änderungen blieb der Artikel dann doch bestehen.
Sehen Sie in den Entscheidungsmöglichkeiten der Administratoren auch eine Gefahr von Interessenskonflikten und Beeinflussung? Wodurch ist es möglich, eine weltweit so große Anzahl von Autoren zu koordinieren und für so brillante Inhalte zu sorgen?

RICHTER: Der "Fall" Ernie Wasson ist ein gutes Beispiel: Als der Artikel eingestellt wurde, war die Qualität wirklich nicht sonderlich toll, man fand kaum etwas über Herrn Wasson und seine Tätigkeit, daher auch der Löschantrag. Nur weil ein Artikel der 1.000.000ste ist, werden die Qualitätsansprüche ja nicht außer Kraft gesetzt. Interessant ist aber, was dann passierte: Binnen 48 Stunden wurde der Artikel deutlich ausgebaut, jemand hatte ein schönes Bild von Herrn Wasson organisiert, zusätzliche Informationen aufgetan und belegt und so weiter. Der Löschantrag hatte sich damit erledigt und wurde zurückgezogen, und der Artikel war deutlich besser als vor dem Antrag.
Zu den Administratoren: Die Wikipedia ist ein offenes System - hierin liegt ihre Stärke und auch das Geheimnis ihres Erfolgs. Wirklich jeder kann mitmachen, so er denn etwas beizutragen hat. Jede Änderung, jede Entscheidung ist nachvollziehbar und dokumentiert. Dies gilt für alle - auch für die Administratoren, deren Arbeit sehr genau beobachtet wird. Missbrauch ist natürlich nie auszuschließen, aber die Stärke eines Systems zeigt sich im Umgang mit solchen Fällen: Und die Wikipedia ist da offen, transparent und nachvollziehbar.


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Wikipedia besticht einerseits neben der inhaltlichen Qualität und Quantität durch Klarheit, Schnelligkeit und Einfachheit. Andererseits wirkt Wikipedia in Relation zu vielen Internetseiten etwas statisch und technisch veraltet. Gänzlich fehlen zum Beispiel noch Videos.
Inwieweit muss sich Wikipedia dem technischen Fortschritt anpassen, und gibt es Erweiterungen oder Veränderungen, die anstehen?

RICHTER: Die technische Grundlage, also die Software und das "look & feel" der Seite sind tatsächlich veraltet. Auch wenn man nicht jeden Web 2.0-Schick sofort umsetzen muss, so behindert der aktuelle Stand der Technik das Voranschreiten der Wikipedia und die Verbesserung der Artikel. Wir sind an Textverarbeitungsprogramme gewöhnt, dass wir Texte einfach "fetten" können und dies dann auch gleich sehen - in der Wikipedia geht dies nicht so einfach. Die Wikipedia-Syntax schreckt Menschen ab, die sonst wertvolle Beiträge leisten könnten. Die Wikipedia benutzerfreundlicher zu machen, ist ein wichtiges Thema.
Die Wikimedia Foundation ist Betreiber der Wikipedia und hat eine Reihe von Initiativen gestartet, um diese Probleme anzugehen. Und auch wir als Verein haben 2009 und 2010 in Projekte investiert, die der Verbesserung der Usability und der Software dienen.


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Sie engagieren sich für Freies Wissen, das heißt für die Freiheit des Zugangs und der Nutzung ohne Bildungsschranken und ohne soziale Schranken, für die Freiheit des Beitrags, frei von politischen, religiösen, weltanschaulichen Vorurteilen, frei von jeglicher Werbung.
Kann die Freiwilligenarbeit Qualität und Quantität des Freien Wissens dauerhaft gewährleisten? Ist Autorenschwund in Deutschland für Sie ein relevantes Thema?

RICHTER: Nach knapp 10 Jahren und über 1 Million Einträge in der deutschsprachigen Wikipedia ist es natürlich schwieriger geworden, neue Artikel zu schreiben und das rasante Wachstum so fortzusetzen. Von Autorenschwund können wir aber nicht sprechen, es kommen immer neue Benutzer hinzu, und unsere Aufgabe als Verein ist es auch, neue Gruppen anzusprechen und an das Projekt heranzuführen.
Ich bin davon überzeugt, dass nur die Arbeit der Freiwilligen die Qualität gewährleisten kann. Das Engagement von Ehrenamtlichen ist eines der zentralen Elemente des Erfolgs der Wikipedia.
Aber mit dem gewachsenen Interesse und der Nutzung der Wikipedia ist natürlich auch die Verantwortung gestiegen: Die Enzyklopädie ist heute eine der wichtigsten Anlaufstellen, wenn es um die erste Information geht. Die Qualitätssicherung und qualitative Verbesserung müssen daher auch im Vordergrund stehen und nicht die Quantität des Projektes. Hierzu ist insbesondere die Einbindung von Experten ein wichtiger Schritt: In der Vergangenheit haben wir versucht, diese direkt als Autoren zu gewinnen, aber wir wollen in Zukunft auch andere Modelle propagieren: Denkbar wäre etwa ein Review-Prozess, wie man ihn von wissenschaftlichen Fachblättern kennt. Da schreibt zum Beispiel ein anerkannter Experte ein Gutachten zu einem ganzen Themenbereich und stellt dieses Gutachten in die Wikipedia, so dass es den Autoren als Basis für die weitere Artikelverbesserung dient. Aber es gibt natürlich viele andere Möglichkeiten, die Projekte zu unterstützen. Wir müssen diese nur noch besser anbieten und erklären.


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Wikimedia finanziert sich ausschließlich über Klein- und Kleinst-Spenden von Privatpersonen. Die Spendengelder fließen in Hard- und Software, aber vor allem in die Förderung der Wikipedia-Autoren und in die nationale und internationale Vernetzung, um die Verbreitung des freien Wissens zu gewährleisten.
Wie fördern Sie die Autoren, und wie würde sich ein Projekt wie Wikipedia verändern, wenn es nicht gemeinnützig, sondern kommerziell strukturiert wäre?

RICHTER: Wir fördern die Autoren sehr vielseitig: Wir haben ein Literaturstipendium für seltene Bücher, wir organisieren Workshops und finanzieren die Teilnahme an Veranstaltungen und Treffen von Redaktionen, wir stellen technisches Equipment, etwa für Fotografen, zur Verfügung und noch vieles mehr.
Wikipedia funktioniert, davon bin ich überzeugt, nur als gemeinnütziges Projekt von ehrenamtlich Tätigen. Die Finanzierung durch Spenden ist ja auch nicht aus der Not geboren, sondern ist Ausdruck des demokratischen und gemeinnützigen Anspruchs der Bewegung zur Erstellung, Verbreitung und Förderung Freien Wissens. Wikimedia Deutschland ist ein Teil dieser internationalen Bewegung.



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Mehr zu den Themen Medien und Internet finden Sie in diesen Artikeln: Interview mit Moritz Hunzinger, Interview mit Dr. Dr. Alexander Görlach, Interview mit Christian Holst, Interview mit Robert Basic, Interview mit Stefan Winners,  Interview mit Jakob Augstein, Interview mit Konstantin Neven DuMont, Interview mit Bernd Kolb

 


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