5 Fragen an Roger Willemsen, Publizist, Herausgeber und Moderator
Montag, 16. März 2009
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Herr Willemsen, Ihre Biographie ist vielfältig, facettenreich und spannend. Ihr Studium "Germanistik, Kunstgeschichte, Philosophie" verdienten Sie sich als Nachtwächter, Reiseleiter und Museumswärter, nach Ihrer Promotion arbeiteten Sie als Essayist, Herausgeber und Übersetzer. 1991 begann Ihre Fernsehlaufbahn, bereits 1993 gründeten Sie die "NOA NOA Fernsehproduktion GmbH", die Dokumentationen, Porträtreihen, Interviewsendungen, Gesprächsformate, Themenabende und Preisverleihungen für diverse Sender erfolgreich produziert. Im Jahre 2002 lösten Sie Ihre Fernsehverträge und moderierten von 2004 bis 2006 nur noch den "Literaturclub" des Schweizer Fernsehens. "Mehr als einmal im Monat möchte ich in der Glotze lieber nicht erscheinen", den Abschied von Massenfernsehen, Quote und Ruhm haben Sie "keine Sekunde lang bereut".
Wie ist Ihre Aussage im Hinblick darauf zu verstehen, dass Sie mit Ihren über 2000 Interviews und aufschlussreichen Themen einen nennenswerten Bildungsbeitrag für Millionen Zuschauer leisteten?
WILLEMSEN: Danke. Das Fernsehen hat sich von der "Volksbildungsanstalt", die der Rundfunkstaatsvertrag noch vorsieht und zur Grundlage der Gebührenfinanzierung macht, weit entfernt, und heute sind meine Interessen mit denen des Fernsehens nicht mehr gut synchronisierbar. Will man sich selbst nicht zuwider sein, muss man also irgendwann gehen. Was man hinterlässt, ist im günstigsten Fall eine Erinnerung an das, was Fernsehen einmal konnte, wollte, ermöglichte. Nach uns Bruce Darnell! Für mich sind heute die Bühnen die besseren Foren für die Vermittlung von Freigeisterei und guten Ideen. Auf sie schleppe ich so manches Trojanische Pferd, das gut dressiert ist, aber ein paar Botschaften im Bauch hat.
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Sie sind Autor zahlreicher bekannter Bücher. Ihr aktueller Bestseller ist "Der Knacks", ein literarischer Essay über die Zeit und ihre Wirkungen auf uns, wurde mit dem Rinke-Preis ausgezeichnet. "Der Knacks" ereilt Ihrer Aussage nach jeden, er gleicht einer Falte, die "an keinem Tag entstanden, in keiner Situation begründet, eine Signatur der Zeit" ist. Er ist ein heimlicher innerer, unausweichlicher Prozess des Scheiterns, der Resignation und Kapitulation.
Bedeutet dies, dass jedes Leben mit Niederlage und Enttäuschung endet und der Mensch den "Knacks" nicht beeinflussen kann? Ist aus Ihrer Perspektive ein Zusammenhang zwischen Denken, Handeln des Einzelnen und den Wirkungen nicht gegeben?
WILLEMSEN: Der Knacks ist eine Verfallserscheinung, die nicht in die Tiefe führt wie der Bruch, sondern in die Fläche. Er ist Materialermüdung, Kapitulation, ein Ausbleichen, Schwinden, Resignieren, ein Verschießen der Farben verrät ihn, und als solcher ist er unausweichlich wie das Altern. Manche beantworten ihn mit Glauben, manche mit immer neu eröffneten Verfahren des Liebens, manche auch einfach mit Kommunikation. Vermutlich haben uns unsere Mangelerscheinungen mehr zu sagen und bringen uns enger zueinander als die raren Triumphe, die einsamen. Ein Mittel, den Knacks zu beantworten, liegt in der Steigerung der Bewusstheit, auch über den Vorgang des Bleichens, und ist nicht oft ein Gemälde mit Patina schöner als ein frisch gereinigtes? Doch, ich glaube an die Möglichkeiten erkenntnisgeleiteten Handelns, an die Fähigkeit, sich richtig zu entscheiden.
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Sie haben sich zusammen mit Dieter Hildebrandt die Geschichte der Menschheit in der Philosophie, Literatur, Naturwissenschaft, Pädagogik, Werbung u.a. genauer angesehen und dabei nichts als Lügen entdeckt. Ihr Programm lautet: "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. Die Weltgeschichte der Lüge".
Wie groß ist der Anteil Spaß, und wie viel Ernst ist dabei? Können Sie uns die Lügen näher erläutern?
WILLEMSEN: Die Lüge ist ein herrlicher poetischer Irrgarten, wo wir uns an die Hochstapler-Biographien, die gefälschten Erdteile, Länder, Antiquitäten, an die erfundenen Lebensgeschichten, die Lügen der Pädagogik, die Mimikry der Tierwelt halten. Sie ist aber ein entsetzlicher Verhau, wo wir es mit Propaganda, kriegsanleitenden, lebenszerstörenden Lügen zu tun haben. Die Lügen der Politik, der Medizin, der Wirtschaft haben selten komisches Potenzial, und man sollte von den Lügen George W. Bushs nicht sprechen, ohne hinzuzufügen, wer alles in Deutschland diese Lügen mitgetragen und in diesen Krieg mit gegangen ist: Henryk M. Broder, Hans-Magnus Enzensberger, Hellmuth Karasek, große Teile der Springer- und Burda-Presse und die Lohnabhängigen ihrer Konzerne. Es gibt Lügen, mit denen nicht zu spaßen ist. Mit niemandem lässt sich besser über sie sprechen als mit Dieter Hildebrandt.
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Ab 5. März machen Sie zusammen mit dem renommierten "Zeit"-Magazin eine neue Interview-Reihe als Folge auf die Gespräche "Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt", geführt von Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Jede Woche befragen Sie namhafte Persönlichkeiten.
Was motivierte Sie dazu? Dürfen wir bald ein Interview mit dem Innenminister Schäuble erwarten, für dessen ablehnende Haltung in Sachen Asyl Sie kein Verständnis haben, nachdem Sie im Rahmen Ihres Buches "Hier spricht Guantanamo" sich eingehend mit dem Schicksal von fünf Exhäftlingen beschäftigten haben?
WILLEMSEN: Ach, inzwischen kann man den Schäuble doch auswendig. Mehr Sicherheit, weniger Freiheit und noch mehr Rhetorik. An dem Knochen ist nicht mehr viel Fleisch. Merkwürdig, dass Obamas radikalster Satz in den meisten Zusammenfassungen seiner Antrittsrede fehlte. Er sagte: Die Gründerväter der USA lebten in Zeiten schlimmerer Bedrohung. Trotzdem hätten sie nicht die Sicherheit vor die Freiheit gestellt. Das war seine Antwort auch auf Schäuble. Die "Zeit"-Kolumne führt ins Zentrum der Begründung des Handelns und erlaubt manchmal auch die Schlussfolgerung: Sie wissen nicht, was sie tun.
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Ihr soziales Engagement ist bewundernswert. Sie sind Botschafter von "Amnesty International" und "Care International" und Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins. Sie unterstützen "Terres des Femmes", die Afghanistan-Kampagne "Helfen steckt an", die Aktion "Deine Stimme gegen Armut" usw.
Hat Ihr Engagement etwas mit Ihrer Biografie zu tun? Was treibt Sie zu Ihrem großen Engagement an?
WILLEMSEN: Leserinnen und Leser sind Menschen mit geschulter Einfühlung. Ich sollte mich in den Häftling bei Dostojewski einfühlen und in den von Guantánamo nicht? Das schiene mir entfremdet. Dazu vermittelt Literatur Vorstellungen vom Humanen, die nicht in der Literatur allein beheimatet sein sollten. Schon die Lektüre allein macht also humanitäres Engagement unverzichtbar. Doch schließlich: Ich reise so viel, wie sollte ich meine Möglichkeiten als öffentliche Person nicht in den Dienst derer stellen, die sonst keine Möglichkeiten haben zu wirken? Ein Brunnen für Afghanistan kostet 800 Euro und rettet Leben. Da sollte ich wissen, dass es so ist und nicht Geld sammeln, Bewusstsein mehren wollen?